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Wie wirkt sich ADS im Erwachsenenalter aus?
Aufmerksamkeitsstörungen führen zu schlechten Schulleistungen und behindern den beruflichen Werdegang. Rund 75% der Kinder und Jugendlichen mit ADHS leiden auch im Erwachsenenalter unter den Symptomen Unruhe, Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit und Impulsivität. Das Bestehenbleiben der Symptome macht sich vor allem negativ im Schulabschluss, in der Berufsausbildung und in der gesellschaftlichen Akzeptanz bemerkbar. Rund die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS schaffen es ihre Aufgaben zu bewältigen. Etwa ein Viertel der jungen Erwachsenen mit ADHS scheitern in den Bereichen Familie, Partnerschaft und/oder Beruf. Die Ausbildung wird oft abgebrochen, der Ausbildungsplatz schnell und die Arbeitsstelle häufig gewechselt. Hyperaktivität und Impulsivität stören oft die Entwicklung normaler sozialer und partnerschaftlichen Beziehungen. Dabei fallen im Umgang mit Bekannten und Freunden aggressive Verhaltensmuster auf, schwankende Stimmungslagen (zwischen übermäßiger Zuneigung und Ablehnung) und Überschreiten sozialer Regeln und Grenzen. Folge des Verhaltens können Ausgrenzung bis hin zur Isolation und Zerstörung des Selbstwertgefühles sein. Dies wiederum verstärkt die unangemessenen Verhaltensweisen, ein Teufelskreis. Viele junge Erwachsene mit ADS / ADHS kennen aber auch ihre Stärken und nutzen ihre erhöhte Belastbarkeit bei ausreichend starker Motivation für einen Weg in die Selbständigkeit (ca. 18% gegenüber 5% bei Menschen ohne ADHS). Hinsichtlich einer erhöhten Zahl an Erkrankungen in den Bereichen Angst, Depression und Burn Out bei Menschen mit ADS ergeben sich in Studien deutliche Hinweise . . . mehr.
Auf der Website DGSuchtmedizin finden Sie die Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von ADHS im Erwachsenenalter http://www.dgsuchtmedizin.de/fix/ADHS-Leitlinien.pdf Wenn ADS nicht in den Kinderschuhen stecken bleibt - ADS im Erwachsenenalter Vortrag von Herrn Dr.med. Dieter Claus Wie häufig ist diese Störung im Erwachsenenalter? Es gibt keine Studie in der eine zufällig aus der Bevölkerung ausgewählter Erwachsenengruppe untersucht wurde, um die Häufigkeit des Erwachsenen - ADS festzulegen. Die vorliegenden Schätzungen über das Vorhandensein des ADS im Erwachsenenalter basieren auf Untersuchungen bei Kindern. Man hat also Kinder mit bekanntem ADS nochmals später nachuntersucht. Bei diesen Erwachsenen wurde dann der Verbleib der ADS-Symptomatik überprüft. Da man wiederum die prozentuale Häufigkeit des Kinder-ADS kannte, konnte man hierüber die Anzahl die in der Bevölkerung betroffenen Erwachsenen mit einem ADS schätzen. Je nach Untersuchung gab es jedoch sehr unterschiedliche Ergebnisse. In einer 1993 veröffentlichen Untersuchung von Mannuzza über hyperkinetische Jungen (also ausschließlich ADS+H) sind die gleichen Symptome nur noch bei 11 % der Erwachsenen vorhanden. Andere, vor allem neuere Untersuchungen, schätzen den Anteil des Verbleibs der ADS-Symptomatik im Erwachsenenalter zwischen 50 Prozent (z.B. Wender 1995) und 30 % bei (Weiss 1993) Die Unterschiedlichkeit der Ergebnisse ist vor allem dadurch zu begründen, weil - es schon in der Diagnostik des Kinder-ADS sehr unterschiedliche Kriterien gibt. Zum Beispiel wurden insbesondere bei älteren Untersuchungen nur "hyperaktive Kinder" genommen oder es wurden nur Jungens untersucht, da hier die Hyperaktiven zu überwiegen scheinen. - es keine allgemeinverbindlichen Kriterien für die Diagnosenstellung des Erwachsenen-ADS gibt. Im wesentlichen werden hier die Kriterien zur Diagnostik von Kindern angewandt. Geht man von Schätzungen aus, daß bei ca. 3-5 % der Kinder diese Diagnose gestellt werden kann - die Zahlen sind je nach Untersuchungen und Diagnosekriterien ebenfalls unterschiedlich - gleichzeitig bei 50 % der Erwachsenenstörung bestehen bleibt, so muß man mit ca 1,5 - 3% von Erwachsenen mit ADS in der Bevölkerung rechnen. Um so erstaunlicher ist aus unserer Erfahrung, daß dieses Krankheitsbild in der Ausbildung und Lehre nicht ausreichend weit bekannt ist. Dies läßt sich an den bisher bekannten Prävalenzen (also die Häufigkeit einer Störung oder Krankheit in einem Moment, wenn sozusagen die Zeit angehalten wird und die Betroffenen zum Vergleich der übrigen Bevölkerung gezählt wird) gut belegen. So haben z.B. Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) eine Prävalenz von 2 %, Multiple Sklerose eine Prävalenz von 0,05 % oder die Myasthenie ( eine jedem Medizinstudenten bekannte neurologische Erkrankung ) eine Prävalenz von 0,006 %. Warum ist der Weg zur Diagnose gerade beim Erwachsenen so schwierig ? Christine kann uns das gut erklären. Sie brachte in die Sprechstunde eine große Liste mit Klagen mit, die sie auf mehreren Zetteln niederschrieb, um sie nicht zu vergessen. Neben vielen Symptomen, die ihre Konzentrationsschwäche, ihre Aufmerksamkeitsstörung und ihre Impulskontrollstörung sowie deren Kompensationsstrategien beschrieb, äußerte sie Klagen, die in den emotionalen Bereich gehören und eine zusätzlich vorhandene Depression vermuten lassen. So schildert sie : - "Leide an Depressionen und Ängsten". - "Minderwertigkeitsgefühl (geringes Selbstbewußtsein)" - "Kann mich nicht entscheiden". - "Fühle mich häufig überfordert und erschöpft". - "Kann mir vieles nicht merken, keine Konzentration". Diese Symptomatik entspricht exakt den Kriterien einer Depressionsform. Bei näherem Hinschauen stellt man jedoch fest, daß es sich bei der Depression nur um die Spitze eines oberflächlich sichtbaren Eisberges handelt und unter der Wasserfläche eine ganz andere Problematik, nämlich ein ADS verborgen ist. Wird das ADS übersehen sind Fehler in der Hilfestellung schon jetzt vorprogrammiert und die Therapie kann scheitern. Man nennt diese Störungen oder Erkrankungen, die neben einer anderen auftreten, komorbide Störungen oder Komorbiditäten. Wie bei Christine treffen wir in der Praxis häufig auf eine Konstellation, die ich das "Eisbergphänomen" nennen möchte, und die die Problematik so am besten veranschaulicht. Die Ursachen der beim ADS vorhandenen Komorbiditäten sind unterschiedlich. Zum einen spielen sicherlich genetische Faktoren eine Rolle, wie z.B. die Studie von Biedermann 1991 zeigt; es konnte festgestellt werden, daß es bei nahen Verwandten von ADS - Kindern häufiger Erkrankungen wie Depressionen, Angsstörungen, Verhaltensstörungen und Drogen - Alkoholabhängigkeit gibt. Im Gegensatz dazu treten zusätzliche Störungen beim ADS auch als sogenannte sekundäre Problematik auf, daß heißt sie entwickeln sich in Folge der negativen Erlebnisse und Frustrationen eines ADS - Kindes in seiner Umgebung. Bei diesem Modell geht man davon aus, daß das ADS bewiesenermaßen eine neurobiologische Störung in Form einer Dysbalance des Neurotransmittersystems und der Neuromodulation handelt. (Neurotransmitter sind die Botenstoffe des Gehirns, wie Noradrenalin, Dopamin und Serotonin.) Diese Dysbalance führt dazu, daß grundlegende basale Fähigkeiten wie z.B. die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit und die Impulskontrolle gestört sind, die wiederum für das soziale Verhalten von großer Bedeutung sind. Bei kleinen Kindern kann man die Symptome des ADS sozusagen "ungebremst" in "Reinform" noch sehr gut beobachten. Mit zunehmenden Alter werden jedoch die Anforderungen größer und komplexer, Probleme durch die mangelhafte neurobiologische Ausrüstung sind vorprogrammiert. Schulleistungen werden unzureichend, das Sozialverhalten ist problematisch. Das Kind ist mit Frustration konfrontiert, die nicht mehr zu bewältigen sind. Es entstehen Versagerängste, niedriges Selbstbewußtsein und auffälliges Sozialverhalten, die sich dann der Symptomatik des ADS überlagern. In ihrer weiteren Entwicklung kann es dann zum Rückzug (Depressionen), Vermeidungsverhalten (Angst) oder auch zur Aggression und Alkohol -und Drogenmißbrauch kommen. Diese Störungen nennt man dann Komorbiditäten. Beides, ADS und sekundäre Störung, vermischen sich in der Symptomatik , so daß es ich um einen schwierigen Weg zur Diagnose handelt. Als Komorbiditäten treten im Erwachsenenalter insbesondere Affektstörung (z. B. Depressionen oder Angststörungen) auf, die sich in etwa 30 Prozent der Erwachsenen mit ADS in unterschiedlicher ausgeprägter Form finden. Begleitende Zwangsstörungen erfordern ein besonderes Therapiemanagement. Nach Cantwell 1991 bestehen bei Kindern mit ADS etwa 30 % Lern -und Sprachstörungen, die ein schon vorhandenes Problem der Informationsverarbeitung derart verstärken, daß es beim Erwachsenen zu den häufig beschriebenen Beschäftigungsverhältnissen "unter Niveau" (im Vergleich zu dem aufgrund der Intelligenz theoretisch Erreichbaren) kommt. Alkohol -und Drogenprobleme sind bei den ADS - Erwachsenen zu erwarten, die in der Kindheit zusätzlich unter der Diagnose einer Verhaltensstörung bzw. eines oppositionellen Verhaltens fallen. Besteht erst einmal der Verdacht auf das Vorliegen eines ADS sollte ein fester diagnostischer Untersuchungsgang angewandt werden. Es muß jedoch angemerkt werden, daß es noch keine allgemeinverbindlichen Kriterien für die Diagnosenstellung des Erwachsenen - ADS formuliert wurden. Unser Untersuchungsgang teilt sich in drei Schritte auf: 1. Gespräch mit Schilderung der - aktuellen Beschwerden, - biographischen Anamnese und ggf. Fremdanamnese. 2. Strukturiertes Interview oder Selbst -/Fremdbeurteilung. 3. Frage nach begleiteten weiteren Störungen (Komorbiditäten) und Abgrenzung gegenüber möglichen anderen in Frage kommenden körperlichen und psychischen Störungen (Differentialdiagnose). Die aktuellen Beschwerden beim ADS im Erwachsenenalter sind durch die typischen Problembereiche Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit und Impulsivität, zu hohes oder zu niedriges Aktivitätsniveau oder beides im Wechsel zu erklären. Christine schildert uns eine Alltagssituation : "Ich beginne in der Küche und will ein Zimmer nach dem anderen sauber machen. Kaum hab ich begonnen, fällt mein Blick auf die Zeitung auf dem Küchentisch. Die Zeitung bringe ich mit dem Altpapier in den Keller, auf dem Weg dorthin stören mich die vielen schmutzigen Schuhe der Kindern vor der Wohnungstür. Ich lege die Zeitung irgendwo ab, hole mir das Schuhputzzeug und lege los. An einem Schuh muß der Schnürsenkel ersetzt werden, Ersatz ist in der Schublade des Wohnzimmers. Da sehe ich die schmutzigen Fenster und nehme mir vor, diese als nächstes anzugehen, da der Boden ja später nachher geputzt werden sollte usw., usw...". Nach drei Stunden findet sich Christine mitten im Chaos von angefangenen Arbeiten wieder, sie ist am Rande des Nervenzusammenbruchs, da sie noch nichts zu Ende gebracht hat. Das Chaos ist viel größer als vorher, und die Kinder sollen in einer halben Stunde von der Schule abgeholt werden. So wie Christine dies schildert, geht es vielen Erwachsenen. Es besteht also die Unfähigkeit, Struktur und Organisation in den Alltag zu bringen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen Durch ihre Ablenkbarkeit verliert sie bei ihrer Arbeit den roten Faden und richtet ihre Aufmerksamkeit auf ein anderes Problem. Die verminderte Impulskontrolle sorgt dann dafür, daß sie den Wunsch z.B. die Schuhe der Kinder zu putzen nicht zurückstellen kann, bis der Hausputz erledigt ist. Am Schluß bleibt ein Chaos unerledigter Aufgaben. Bei Männern mit ADS ist der Schwerpunkt häufig in Richtung der Störung der Impulskontrolle verschoben. Dies könnte durch unsere gesellschaftlichen Regeln bedingt sein. Ein Mann, der an der Arbeitsstelle impulsiv ausrastet ("da hat er mal auf den Tisch gehauen"), ist sicher eher akzeptiert als eine Frau, die sich das nicht leisten darf ("hysterische Kuh"). Nach einer 1996 von Russell Barkley veröffentlichen Untersuchung über Erwachsene mit ADS wird folgendes festgestellt: 1. Die Ehezufriedenheit bei Erwachsenen mit ADS ist deutlich niedriger. 2. Die Scheidungsrate bei Erwachsenen mit ADS ist deutlich höher. Die biographische Anamnese entspricht dem Lebenslauf der psychischen und sozialen Entwicklung des Betroffenen, hier muß gezielt nach Schulproblemen, Leistungsproblemen sowie Auffälligkeiten der sozialen Entwicklung (Einzelgänger ?, immer Anführer ?, Klassenclown ?) gefragt werden, denn es gilt : "Keine ADS im Erwachsenenalter ohne ADS im Kindesalter". Beruflicher Werdegang und Partnerschaften sind von besonderem Belangen, da sich hier oft versteckte Anzeichen eines vorhandenen ADS zeigen wie Unterqualifikation an der Arbeitsstelle trotz guter Intelligenz oder häufige Partnerschaftskonflikte bzw. hohe Scheidungsrate. Christine zeigt auch hier ein recht typischen Werdegang: Trotz guter Intelligenz droht immer wieder das Scheitern in der Schule, mehrfacher Schulwechsel werden mit der Bemerkung kommentiert: "könnte eigentlich viel mehr erreichen". Nach der Schule studiert Christine, fängt vieles an, bringt jedoch kein Studium zum Abschluß. Aus der Not Geld zu verdienen nimmt sie einen unterqualifizerten Job an. Sie fühlt sich auf die Dauer unterfordert und kündigt, das Muster setzt sich fort. In der Partnerbeziehung sieht es nicht anders aus. Aufgrund ihrer starken und unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen und Konzentrationsschwächen treten Spannungen auf, es kommt zu wechselnden Partnerbeziehungen. Sie sucht in jeder neuen Beziehung Halt bzw. einen Gegenpol, der Partner ist jedoch häufig damit überfordert oder nutzt sie aus. Der Entschluß ein Kind zu bekommen entspricht dem Wunsch nach Stabilität; zuletzt ist sie jedoch alleinerziehend und dadurch noch doppelt belastet. Die Fremdanamnese, also die Zustandsschilderung durch einen Dritten - das kann eine Angehöriger oder ein Lehrer sein - kann die Diagnosenstellung sehr erleichtern. Nach meiner Erfahrung wird die Problematik im Rückblick jedoch nicht selten "verniedlicht". Unangenehme Situationen werden gerne verdrängt, weil sie noch schuldbesetzt sind. Eine Fremdanamnese durch den Partner ist dann aufschlußreicher. Im zweiten diagnostischen Schritt werden dann die allgemeinen anerkannten Kriterien zur Diagnostik psychischer Krankheiten, hier DSM - IV Kriterien, überprüft. Wie eingangs bemerkt sind diese derzeit noch auf die Belange von Kindern zugeschnitten, so daß es für den betroffenen Erwachsenen eher erheiternd ist, wenn er z.B. bei Überprüfung der Hyperaktivität gefragt wird: "Rennt häufig umher oder klettert exzessiv in Situationen, in denen es unpassend ist, oder kann seine Aufmerksamkeit oftmals nur auf Details richten oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei Hausaufgaben oder anderen Aktivitäten". Thomas Brown hat diese Kriterien für Erwachsene modifiziert, indem er z.B. "rennt häufig umher..., ist schnell gelangweilt, fühlt oft eine innere Unruhe" ersetzt hat oder "steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzen bleiben erwartet wird steht häufig auf", "verläßt häufig Situationen, in dem Sitzen bleiben erwartet wird (durch Sitzung oder Vorlesung oder längeres Essen)." Spezielle vorbereitete Fragebögen zur Selbsteinschätzung wie z.B. von Thomas Brown oder Copeland, unterstützen die Diagnostik und lassen eine Gewichtung der verschiedenen Kategorien wie z.B. Leistungs -und Organisationsproleme oder emotionale Schwierigkeiten bei Erwachsenen mit ADS zu. Eine dritte Person kann als Außenstehende die gleichen Fragen beantworten und liefert damit häufig wertvolle Erkenntnisse. Die Selbsteinschätzung durch Fragebögen birgt allerdings die Gefahr sehr subjektiver und durch die aktuelle Stimmungslage gefärbter Ergebnisse, deren Wertigkeit durch das Erreichen bestimmter "Scores", also Punktwerte, dem Untersucher ein falsch objektives Bild suggerieren. Testuntersuchungen und Videoanalysen sind problematisch, da beides in einer künstlichen Umgebung durchgeführt werden (1:1 Situation mit Untersucher), die den Lebensalltag nicht reflektieren. Insbesondere sei an dieser Stelle vor medikamentöser Behandlung bzw. Dosiseinstellung aufgrund von Videoanalysen oder computerisierter Leistungstest gewarnt, die diese Problematik häufig verkennen. Beim dritten diagnostischen Schritt wird die medizinische Vorgeschichte überprüft und eine neurologische Untersuchung empfohlen. So kam es bei uns nicht nur einmal vor, daß sich unter dem Bild einer Konzentration - und Aufmerksamkeitsstörung eine ganz andere neurologische Erkrankung verborgen hatte. Als Beispiel sei hier ein achtzehnjähriger Patient aufgeführt, der mitten im Gespräch häufig einen "Filmriß" hatte. Äußerlich war ihm während dem Filmriß bis auf eine geringe motorische Bewegung der Augenlieder nichts anzumerken. Im Rahmen der Untersuchung wurde ein EEG abgeleitet und festgestellt, daß dieser Patient an einer Absencen - Epilepsie litt. Patienten mit Störungen der Impulskontrolle könnten auch an einem sogenannten "Frontalhirn-Syndrom" erkrankt sein, eine Störung des vorderen Abschnitts des Gehirns z.B. aufgrund von Durchblutungsstörungen oder Entzündungen. Auch hier zeigen sich Störungen der Impulskontrolle und des Gedächtnisses. Bei der Differentialdiagnose müssen andere Störungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen werden. Nicht jede Konzentrationsstörung ist ein ADS, wie wir am Beispiel der Absencen - Epilepsie gesehen haben. Konzentration und Aufmerksamkeitsstörung kommen u. a auch bei Depressionen und Epilepsie vor. Im Rahmen der Diagnose sind zuletzt die begleitenden Komorbiditäten abzugrenzen, wie anfangs schon erläutert. An dieser Stelle ist deshalb ausdrücklich nochmals festzuhalten, daß die Diagnose eines ADS nicht zum Ausschluß einer weiteren vorhandenen Störung führt sondern diese häufig ergänzt bzw. durch diese ergänzt wird. Zusammenfassend muß bei der Diagnostik deshalb festgestellt werden, daß jeder diagnostische Schritt nur ein Mosaikstein zur Diagnose eines ADS im Erwachsenenalter bildet. Kein Untersuchungsergebnis für sich alleingenommen rechtfertigt die Diagnose eines ADS. Innerhalb der diagnostischen Schritte liegt jedoch eine deutliche Gewichtung der Kriterien vor. So hat das Gespräch wie bei anderen psychischen Störungen höchste diagnostische Wertigkeit. Testuntersuchungen, Fragebögen oder computergestützte Untersuchungsmethoden sind zweitrangig und nur zur Unterstützung der Diagnose zu verwerten.
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